“Vernetzt handeln. Global. Partnerschaftlich. Über alle Kanäle” – das war das Motto des diesjährigen Handelskongresses in Berlin, zu dem der HDE in diesem Jahr zum zehnten Mal eingeladen hatte. 1400 Teilnehmende erwarteten im Maritim-Hotel ein vielversprechendes Programm mit viel Polit- und Wirtschaftsprominenz.
Hier ein Auszug meiner Highlights:
Das Nummerngirl Tichy
Der Moderator Roland Tichy, normalerweise Chefredakteur der Wirtschaftswoche, empfahl sich beim Auftakt des Kongresses unter anderem auch als Nummerngirl, was jedoch in diesem Fall eine neue Interpretation erfuhr.
Nicht nur optisch entsprach Herr Tichy weniger dem klassischen Bild, auch reichte es ihm nicht, lediglich nonverbal durch ein Schild die nächste Runde im Ring anzukündigen, sondern er boxte selbst und hoch vergnüglich verbal mal in die eine oder andere Richtung. Als er beispielsweise die Ministerin Schröder ankündigte, sagte er, sie sei ja für alle zuständig, die heute hier nicht so vertreten seien wie etwa Frauen, Kinder, Senioren usw., was die Ministerin gleich zu Beginn ihrer Rede aufgriff: “Ich bin für alle zuständig, außer für mittelalte kinderlose Männer.” Dies griff wiederum Tichy auf und empfahl sich als künftiger Minister für eben diese Zielgruppe. Auch sprach er knifflige Situationen an und fragte Frau Schröder, ob man nicht bei einem gepflegten Abendessen den leidigen Konflikt zweier Ministerinnen derselben Partei zum Thema Quote beseitigen könne.
Wie ein roter Faden zog sich die launige, pointierte, kurzweilige Moderation durch die beiden Kongresstage.
Der Auftritt des Herrn Schrader
“Wer hat Sie denn am ersten Kongresstag besonders fasziniert” war meine Frage an viele Teilnehmende und die einhellige Antwort lautete: Der OTTO-Chef. Kein Wunder, denn nicht nur die Inhalte seiner Rede über Führungskultur und Führungsprinzipien waren herausragend, sondern auch die Authentizität, mit der der Vorstandsvorsitzende Hans-Otto Schrader seine Botschaften formulierte.
Richtiges Führungsverhalten beleuchtete er anhand von Fehlverhalten wie beispielsweise mangelndes Vertrauen in andere, Entscheidungsschwäche, Zulassen von Intrigen und Unberechenbarkeit.
“Die Wirtschaft ist für die Menschen da, nicht umgekehrt”, so sein klares Credo. Und zum Thema Mitarbeiter: “Wir brauchen in unserem Unternehmen Persönlichkeiten, die intelligent, leidenschaftlich und sympathisch sind und die Verantwortung übernehmen wollen”. Zum Abschluss seiner Rede präsentierte er einen Film, der die Haltung der OTTO-Group zum Thema “Verantwortung” pfiffig auf den Punkt brachte und der damit endete: “Die meisten wollen keine Verantwortung übernehmen. Wir schon.”
Hans-Otto Schrader, der einzige Vorstandsvorsitzende, der das Unternehmen schon im Namen trägt, so Tichy, zeigte eindrucksvoll, wie innovativ und kreativ OTTO ist. Diesen Chef auf der Bühne live zu erleben und zu denken: “Was für ein spannendes Unternehmen und was für eine tolle Führungspersönlichkeit” – mehr kann ein Vortrag nicht bewirken.
Kleine Cents und Vertrauen in die große Wirkung
Der Zufall wollte es, dass ich beim letzten Handelskongress bei der Abendveranstaltung am selben Tisch mit Christian Vater saß und wir ins Plaudern kamen. Auf die Frage, was er denn so mache, erzählte er von seinen Plänen zu “Deutschland rundet auf”. Das Prinzip dahinter: Wenn beim Einkauf etwa €28,36 fällig werden, rundet das Kassensystem automatisch auf € 28,40 auf. Vorausgesetzt, Sie sagen als Kunde: “Aufrunden, bitte.” Die gespendeten Cents fließen zu 100 Prozent in soziale Projekte.
Schon damals fand ich die Idee großartig, nur war ich mir nicht sicher, ob sich Herr Vater damit durchsetzen würde. Es hatte etwas von “Nur noch kurz die Welt retten.” Umso gespannter war ich also auf seinen Auftritt beim diesjährigen Handelskongress, der mich jedoch nachdenklich machte.
Als PR-Frau bin ich nach wie vor fasziniert von der simplen Idee, von der Kraft der Durchsetzung, vom Timing, vom möglichen positiven Imagefaktor für die beteiligten Unternehmen, von der professionellen Machart des Videos zur Kampagne oder der strategischen Einbeziehung von hochkarätigen Kooperationspartnern aus Wirtschaft und Gesellschaft.
Die spannende Frage wird sein, ob die Menschen Vertrauen in die Stiftungsarbeit und die handelnden Personen haben werden und damit die Aktion zum Selbstläufer wird. Glaubwürdigkeit und Transparenz sind dabei die beiden Säulen, auf denen die Stiftungsarbeit basieren muss. Die Öffentlichkeit ist jetzt hergestellt und es bleibt zu beobachten, wie sich der Satz: “Aufrunden, bitte” an den Kassen behaupten wird.
Die Kanzlerin und der ehrbare Kaufmann
Aufregung machte sich am zweiten Kongresstag kurz nach dem Mittagsimbiss breit: “Die Kanzlerin kommt”. Mit Stolz empfing der HDE-Präsident Josef Sanktjohanser Frau Merkel und zollte ihr zunächst Respekt und Anerkennung für ihr Wirken und ihr Engagement in Brüssel. “Der Handel steht zu Europa und dem Euro”, so Sanktjohanser und verstärkte: “Der Euro ist nicht das Problem, es ist die unsolide Haushaltspolitik einiger Euro-Länder, die den politischen und wirtschaftlichen Erfolg des Euro gefährden.”
Frau Merkel zollte zunächst den Handelnden Respekt: Im Krisenjahr habe der Einzelhandel trotz Umsatzrückgang seinen Personalbestand gehalten und sich zu einem Stabilitätsfaktor entwickelt. Nach einem flammenden Bekenntnis zu Europa legte sie ein klares Veto gegen die Ampel ein und bekam Applaus für den entsprechenden Satz: “Uns ist es lieber, der Kunde hat die Qual der Wahl, als dass durch Werbeverbote und Sonstiges dauerhaft irgendetwas eingeschränkt wird. Auch die Frage, was gut ist und was schlecht ist – das ist ja oft auch von der Dosis abhängig – muss nicht überall mit Riesenampeln und dergleichen beantwortet werden. Ich bin da außerordentlich vorsichtig und finde, wir sind eine mündige Gesellschaft.”
Was sich nicht ändern dürfe sei das Bild des ehrbaren Kaufmanns und plädierte für die Regulierung der Finanzmärkte. Sprach´s und verschwand wieder, umringt von unzähligen Sicherheitsleuten. Beeindruckend, dieser Gesamtauftritt.
Und weitere Highlights:
- Die zunehmende Fokussierung der Händler auf die Themen Mitarbeiter, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Quote (wie auch immer) und soziale Netzwerke.
- Der Kaufhof-Chef Lovro Mandac, der selbstkritisch darauf hinwies, dass es immer noch viel zu wenig Frauen in Führungspositionen gibt und dies am aktuellen Beispiel HDE-Delegiertenversammlung belegte.
- Der Henkel-Marketing-Direktor Frank Horn, der Abstand davon nahm, im eigenen Internetauftritt über Produkte zu reden sondern vielmehr Geschichten zu erzählen und relevante Inhalte mit der Brille der Nutzer zu liefern.
- Der Globetrotter-Chef Thomas Lipke, der mit Leidenschaft über Träume und Ausrüstung sprach.
- Der Görtz-Chef Christoph von Guionneau, der auch Männer davon begeistern will, dass guter Geschmack nicht bei den Socken aufhört.
- Die professionelle Moderatorin der Abendveranstaltung Corinna Lampadius.
- Die tolle Organisation des Management-Forum-Teams rund um Stefanie Pracht.
Zum Schluss:
In seinem Generationen-Vortrag sagte Lovro Mandac: “Kunden muss man locken, Fans kommen von selbst. Kunden geben ihr Geld, Fans geben ihr Herz. Kunden suchen Rabatte, Fans Leistung. Kunden wechseln, Fans bleiben.”
Doch wie gelingt es, aus Kunden Fans zu machen? Und noch einen Schritt weiter: Wie gelingt es, aus Mitarbeitern Fans zu machen?
Die Antwort ist einfach: Mit professioneller Öffentlichkeitsarbeit, die alle Kanäle bedient und miteinander vermischt. OTTO macht es vor, sich immer wieder ins Gespräch zu bringen, gesuchte Zielgruppen auf sich aufmerksam zu machen, als Beispiel sei hier nur der berühmte Fallschirmsprungfilm genannt. Hierüber wird gesprochen und darüber kommen Menschen zum Unternehmen, als Kunde und als Mitarbeiter. Hier wird die Klaviatur professioneller Öffentlichkeitsarbeit beherrscht und Unternehmensstrategie mit Personal- und Kommunikationsstrategie zusammen gedacht und strategisch gesteuert.
Von diesen Beispielen wünschte ich mir noch viel mehr, vielleicht ja beim nächsten Handelskongress. Ich freu mich drauf!